Arme und reiche Geber

(ein jüdischer Witz)

Der armselige Schnorrer hat auch vom Rabbi ein Almosen erbeten. Nachher fragt er: “Rebbe, wie kommt das: Wenn ich einen armen Teufel anbettle, teilt er mit mir sein letztes Stück Brot und sogar den Strohsack, auf dem er schläft. Komme ich zu einem Millionär, dann lässt er mir durch seine Dienerschaft einen Rubel reichen und wirft mich sogar spätabends ohne Mitleid hinaus!”

“Das kann ich dir leicht erklären”, versichert der weise Rabbi, führt den Schnorrer ans Fenster und fragt: “Was siehst du?”

“Ich sehe Bäume, Pferde, spielende Kinder”, zählt der Schnorrer auf.

Der Rabbi führt ihn vor einen kleinen Spiegel und fragt abermals: “Was siehst du jetzt?”

“Was soll ich schon sehen?”, fragt der Schnorrer zurück. “Natürlich mein Gesicht.”

“Begreifst du jetzt?” fragt der Rabbi. “Fenster und Spiegel sind beide aus Glas. Kaum unterlegst du das Glas mit ein wenig Silber â?? schon siehst du nur noch dich selbst!”

In: Salcia Landmann: Als sie noch lachten. Das war der jüdische Witz. München 2000, S. 48